Es ist voller Galaxien

„Mein Gott, es ist voller Sterne!“ So die berühmten letzten Worte von Commander Bowman aus Stanley Kubricks Epos 2001 – Odyssee im Weltraum. Ob dem Protagonisten am Monolithen ein Blick in die Unendlichkeit vergönnt war, möge dahinstehen. Klar ist: Je tiefer wir ins Weltall schauen, umso größer wird die Zahl der Sterne und ebenso die Ehrfurcht vor der Weite des Universums. Die Bilder der Weltraumteleskope Hubble und James Webb sind in der Regel nicht nur voller Sterne, sondern voller Galaxien – jede einzelne wiederum bestehend aus Millionen und Milliarden von Sonnen.

Aber auch schon mit einem bescheidenen Sechszöller von einem Balkon am Rande von Siegens Innenstadt aus kann man ein Stück weit in diese Gefilde vordringen. Das Frühjahr ist hierzu gut geeignet, da wir in Richtung des „galaktischen Nordpols“ blicken – also raus aus unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße, in die tiefen Weiten des Alls.

Folgten wir einem solchen Blick mit Lichtgeschwindigkeit, so kämen wir nach einer in kosmischen Maßstäben kurzen Zeit von 800.000 Jahren bei einer kleinen Satellitengalaxie unserer Milchstraße an. Ähnlich wie Sterne von Planeten umkreist werden, hält sich unsere Milchstraße eine Reihe von Trabanten. Da diese im Vergleich recht wenige Sterne beheimaten – „nur“ einige Millionen im Vergleich zu mehr als hundert Milliarden in der Milchstraße, sind sie trotz ihrer kosmischen Nähe nicht leicht auszumachen. Das hier beschriebene Objekt ist die Zwerggalaxie Leo I im Sternbild des Löwen. Sie steht am Himmel in unmittelbarer Nähe von Regulus, dem Hauptstern des Löwen:

Zwerggalaxie Leo I neben Regulus im Löwen. 150 mm Newton f/5, ASI ZWO 2600 MC, 90 x 2 min. am 12.03.2026.

Regulus ist ein hell blau leuchtender Hauptreihenstern in etwa 80 Lichtjahren Entfernung. Zehntausendmal weiter entfernt ist Leo I im Bild links von Regulus als milchig schimmerndes Fleckchen zu sehen. Aufgrund dieser Nähe wird sie von dem Stern überstrahlt und wurde daher erst in den 1950er Jahren entdeckt.

Wir bleiben im Sternbild Löwe, schauen aber nun noch 40-mal weiter ins All. Dort trifft der Blick auf eine Gruppe größerer Galaxien, das Leo-Triplett. Es besteht aus der „Hamburger-Galaxie“ NGC 3628 (oben im Bild) sowie den Messier-Objekten M 65 (unten rechts) und M 66 (unten links). Das Bild ist ein Komposit aus jeweils mehreren Stunden Weißlicht sowie mit dem Duo-Schmalbandfilter, was durch den H-alpha-Kanal die Rotfärbung erklärt.

Das Leo-Triplett: M 65, M 66, NGC 3628. 150 mm Newton f/5, ASI ZWO 2600 MC. 100 x 2 min. Weißlicht am 09.03.2026 plus 55 x 2 min. mit L-eNhance Duo-Schmalbandfilter (O-III und H-alpha) am 07.04.2026.

Im Gegensatz zum Zwerg Leo I handelt es sich um ausgewachsene Galaxien mit über 100 Milliarden Sternen. Obwohl sie weiter entfernt sind, erscheinen sie daher leuchtkräftiger und bilden auf dem Foto ein hübsches Trio. Man erkennt recht gut die unterschiedliche Morphologie: M 66 unten links ist eine Balkenspirale, M 65 unten rechts eher eine „normale“ Spirale. Bei NGC 3628 oben blicken wir genau auf die Kante und sehen die dunkle Scheibe aus Staub, die dem Objekt sein markantes Aussehen gibt.

Vom Löwen zur Jungfrau. Dort befindet sich das Massezentrum unserer kosmischen Nachbarschaft, der Virgo-Haufen. Er umfasst über 1.000 Galaxien und ist knapp doppelt so weit entfernt wie das Leo-Triplett. Im Sternbild der Jungfrau finden sich daher etliche hellere Galaxien, die mit Amateurmitteln zu sehen sind. Bekannt ist die „Markarjansche Kette“, eine sichelförmige Anordnung von Galaxien:

Die „Markarjansche Kette“ im Virgo-Haufen. 150 mm Newton f/5, ASI ZWO 2600 MC, 55 x 2 min. am 14.04.2026.

Mit dem Virgo-Haufen sind „wir“ trotz der enormen Entfernung noch gravitativ verbunden: Die Milchstraße ist Teil der „lokalen Gruppe“, welche zusammen mit dem Virgo-Haufen und etwa 100 weiteren Gruppen und Haufen einen „Superhaufen“ bildet. Diese Struktur verlassen wir nun endgültig, wenn wir den Blick von der Jungfrau zum benachbarten Sternbild mit dem schönen Namen „Haar der Berenike“ (lat. Coma Berenices) schwenken. Dort findet sich der Coma-Haufen, ein mit vielen Tausend Galaxien sehr dichter Haufen in über 300 Millionen Lichtjahren Entfernung – sechsmal weiter als der Virgo-Haufen und über 300-mal weiter als Leo I.

Das Bild wirkt auf den ersten Blick wie eine Ansammlung von Sternen – dabei sind die meisten Objekte ganze Galaxien, bestehend jeweils aus Milliarden von Sternen. Dominiert wird der Haufen von zwei riesigen elliptischen Galaxien, NGC 4874 und NGC 4889 – Monstern mit jeweils einem Dutzend Billionen Sternen, 50-mal mehr als in unserer Milchstraße oder den Mitgliedern des Leo-Tripletts.

Zentrum des Coma-Haufens mit NGC 4874 und NGC 4889. 150 mm Newton f/5, ASI ZWO 2600 MC, ca. 90 x 2 min. am 22. und 23.04.2026.

Mit dem Coma-Haufen haben wir den Rand dessen erreicht, was die Astronomen als „lokales Universum“ bezeichnen. Gut 300 Millionen Lichtjahre sind eine unvorstellbare Entfernung – dennoch macht das lokale Universum weniger als 0,0001 % des gesamten bekannten Universums aus.

Mein Gott, es ist voller Galaxien!

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