Archiv des Monats: März 2026

NINA und ein UFO im Rosettennebel

Die technologische Entwicklung schreitet auch in meiner Ausrüstung immer weiter voran. Nun durfte ich erstmals das Wunder des „Platesolvings“ erleben: Die Software nimmt kurz ein beliebiges Stück Himmel auf und erkennt anhand des Sternenmusters sofort die genauen Koordinaten. Hierfür nutze ich das kostenlose Programm N.I.N.A (Nighttime Imaging ´N‘ Astronomy) in Kombination mit dem Platesolver ASTAP. Für jemanden, der in den 1990er Jahren noch Diafilme in eine Minolta-Kamera gelegt und Himmelsobjekte mittels „Star-Hopping“ aufgesucht hat, der Langzeitbelichtungen mittels mechanischem Drahtauslöser mit Feststellschraube gemacht und eine Handsteuerbox an einer Nachführung für die Endstufe der Technik gehalten hat, ein weiter Weg.

N.I.N.A kann noch viel mehr. Mein Zielobjekt an diesem Abend war der Rosettennebel im Sternbild Einhorn – N.I.N.A schwenkt das Teleskop automatisch in die richtige Richtung und zeigt noch eine Vorschau, wie der Bildausschnitt aussehen wird. Und natürlich übernimmt sie auch die Belichtungssteuerung inklusive „Dithering“. Insgesamt erhalte ich 53 brauchbare 2-Minuten-Bilder mit dem Newton und dem Duo-Schmalbandfilter, die ich mit dem Astro Pixel Processor zusammenfüge und in Lightroom etwas nachbearbeite:

Der Rosettennebel besteht überwiegend aus Wasserstoff, aus dem permanent neue Sterne entstehen. So hat sich auch der Haufen aus hellen Sternen im Zentrum gebildet. Diese jungen Sterne sorgen nun für das rötliche Leuchten, indem ihre Strahlung das Wasserstoffgas ionisiert.

Da der Nebel so groß ist, dass er das Bild schon mehr als ausfüllt, habe ich noch einen Versuch mit dem Apo bei etwa halber Brennweite unternommen. Hier sieht das Ergebnis nun arg seltsam aus:

Eine nähere Analyse fördert zu Tage, dass auf einem der 35 Frames ein Satellit durchs Bild geflogen ist. Dank der Planetariumssoftware Stellarium lässt sich das Objekt identifizieren: Es ist FIA Radar 4, ein US-Militärsatellit, der in einem Orbit von gut 1.100 km Höhe die Erde umkreist. Am 7. März flog er in etwa 15 Sekunden durch das Gesichtsfeld meiner Kamera, wobei er um exakt 20:52:12 Uhr für einen kurzen Moment so hell aufleuchtete wie die Venus. Der Grund liegt in einer Reflexion: Der Satellit stand noch im Sonnenlicht und reflektierte dieses in Richtung meiner Kamera – ähnlich wie manchmal ein entferntes Hochhaus das Licht der tiefstehenden Sonne an einem Fenster spiegelt.

Ein letzter Blick auf den Rosettennebel vereint das Licht von etwa drei Stunden aus zwei weiteren Nächten mit dem Apo:

Auch der Pannen-Almanach ist wieder um einiges gewachsen – unter anderem in der Rubrik Materialschäden:

  • Die Montierung steht nun auf einer Säule näher an der Balkonbrüstung. Dadurch wird zwar wie gewollt das Guckfenster etwas größer – allerdings stößt der Newton jetzt bei einem Schwenk an das Geländer – ich hoffe mal, der Motor hat keinen Schaden genommen.
  • Um unbeaufsichtigtes Anstoßen zu vermeiden, mache ich den Meridian-Flip manuell. Der Schwenk läuft wie gedacht, dann gibt es ein seltsames Geräusch und plötzlich geht nichts mehr. Die genaue Ursache liegt im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln – aber irgendwie hat sich das Kabel verhakt und wurde vom Stecker gerissen (!). Der Materialschaden beläuft sich auf 14 Euro, aber die Beobachtungsnacht ist erstmal vorbei.
  • Die ersten Versuche mit dem Apo scheitern – N.I.N.A schaltet nach kurzer Zeit ab und kommuniziert nicht mehr mit der Kamera. Aber sie trifft keine Schuld – der Rückgang zum ASI Studio bringt keine Besserung. Nach einer guten Stunde finde ich des Problems Lösung: Für das Guiding mit PHD2 hatte ich für den Apo ein neues Profil angelegt – und dabei offenbar die Hauptkamera der ASI ZWO 2600 MC Duo anstelle der Guiding-Kamera verwendet. So kommen sich die Steuerungssysteme ständig in die Quere. Das hätte es früher mit Diafilm und Drahtauslöser nicht gegeben!

Krebse, Pferde und Flammen

Gut, der Plural ist übertrieben: Es geht nur um einen einzelnen Krebs, und noch nicht mal um ein ganzes Pferd, sondern lediglich um dessen Kopf. Die Astronomen waren ja schon immer recht fantasievoll bei der Namensgebung ihrer Himmelsobjekte – beginnend in der Antike mit der Bezeichnung der auch heute noch gebräuchlichen Sternbilder. Demgegenüber kann man die bildhaften Namen von in der Neuzeit entdeckten Himmelsobjekten eher nachvollziehen. Was Lord Rosse aber im 19. Jahrhundert mit seinem Leviathan gesehen hat, um die Nummer 1 im Katalog seines Kollegen Messier „Krebsnebel“ zu benennen, erschließt sich zumindest dem Autor dieser Zeilen nicht.

Der Krebsnebel M 1 im Sternbild Stier. Aufgenommen am 20.01.2026 mit 150 mm Newton f/5, L-eNhance Duo-Schmalbandfilter, ASI ZWO 2600 MC, 62 x 2 min.

M 1 ist der Überrest einer im Jahr 1054 stattgefundenen Sternexplosion, einer Supernova, die damals heller als alle anderen Sterne leuchtete und für eine Zeitlang sogar am Taghimmel zu sehen war. Die feinen Filamente sind die „weggesprengten“ äußeren Schichten des ehemaligen Sterns, die auch heute noch mit einer Geschwindigkeit von 1.500 Kilometern pro Sekunde auseinanderfliegen. Der Nebel wird damit stetig größer, was anhand von historischen Fotos belegt werden kann.

Das obige Bild ist mit dem Duo-Schmalbandfilter aufgenommen, was die Struktur der Filamente im rötlichen Licht der H-alpha-Linie zur Geltung kommen lässt. Im Zentrum des Nebels befindet sich der kollabierte Kern des ehemaligen Sterns, ein Neutronenstern aus entarteter Materie – nur 10 bis 30 km im Durchmesser und damit so groß wie eine Stadt, aber so schwer wie die Sonne. Dieser Neutronenstern dreht sich 30 mal pro Sekunde (!) um die eigene Achse und sendet dabei jeweils einen Lichtimpuls aus – daher auch die Bezeichnung „Pulsar“. Aufgrund der Filterung ist er auf dem Bild nur schwer zu erkennen. Hier eine kontrastverstärkte Ausschnittsvergrößerung:

Der Pulsar im Krebsnebel

Vom Krebs zum Pferd. Hier braucht es nun weniger Fantasie, um in der Dunkelwolke vor dem roten Emissionsnebel einen Pferdekopf zu erkennen:

Pferdekopf- und Flammennebel. Aufgenommen am 18.01.2026 mit 150 mm Newton f/5, L-eNhance Duo-Schmalbandfilter, ASI ZWO 2600 MC, 90 x 2 min.

Der helle Stern oben links ist Zeta Orionis, der linke der drei Gürtelsterne des Orion. Links daneben der „Flammennebel“, dessen Namensgebung ebenfalls einleuchtet. Während die Nebelobjekte auch physisch zusammenhängen, ist Zeta Orionis ein Vordergrundstern und nur „zufällig“ im Bild.

Der Nebelkomplex besteht zu großen Teilen aus ionisiertem Wasserstoff, zum Leuchten angeregt unter anderem durch den Stern Sigma Orionis, etwa mittig im Bild mit der bläulichen Nebelhülle. Zum Einsatz kam wieder der H-alpha- bzw. Dualbandfilter. Hier der Pferdekopfnebel noch einmal in groß:

Zu guter Letzt ein Eintrag im Pannen-Almanach: Die Aufnahmen entstanden bereits im Januar bei seinerzeit noch markanten Minusgraden. Diese Bedingungen setzten dem Laptop so sehr zu, dass nach jeweils zwei bis drei Stunden die Stromversorgung trotz eingestecktem Netzteil zusammenbrach und das Gerät seinen Betrieb einstellte. Nun steht der Frühling vor der Tür – aber für den nächsten Winter muss ich dann einmal zusehen, wie man einen handelsüblichen Laptop im Kältebetrieb funktionstüchtig hält.