Im Feld

Wenn der Amateurastronom sich „ins Feld“ begibt, verlässt er die heimische Sternwarte – so er denn eine hat – und fährt in die freie, ungeschützte Natur. Das Ziel ist ein möglichst dunkler Himmel über einer Wiese, einer Lichtung, einem Acker – weit weg von störenden irdischen Lichtquellen. So mache ich mich an diesem Montagabend auf den Weg zur Eisenstraße auf 600 Meter Höhe im Rothaargebirge, im Gepäck der Apo, die GTI-Montierung und eine neue astromodifizierte Canon R6. Es tut sich ein beeindruckender Sternenhimmel in klarer, einsamer Nacht auf. Wobei Einsamkeit in den Wäldern Siegen-Wittgensteins relativ ist – das Röhren der brünftigen Rothirsche ist kilometerweit zu vernehmen. Nach Aufbau des Instrumentariums habe ich dann auch visuellen Kontakt – allerdings nicht zu Hirschen, sondern zu zwei Mountainbikern, deren Scheinwerfer vielleicht hundert Meter entfernt den Waldweg erhellen. Der nächste Kontakt ist persönlich: Der Landwirt kommt des späten Abends vorbei und ist alles andere als begeistert, dass ich auf seinem Feld (sic) stehe. Nach kurzem Gespräch ist er von meiner Harmlosigkeit überzeugt und lässt mich freundlicherweise weiterhin auf seiner Grünfläche meinen astronomischen Geschäften nachgehen.

Diese laufen sowieso alles andere als gut. Eigentlich wollte ich den Nordamerikanebel aufnehmen, aber der steht zu hoch – ja, das gibt es tatsächlich auch, die Montierung kommt damit nicht klar. Ich schwenke um auf den Cirrusnebel, aber aus irgendwelchen Gründen finde ich ihn nicht. Zwar meinte ich eine gute Polausrichtung gemacht zu haben, trotzdem bekomme ich ihn erst nach mühsamem, altmodischem Star-Hopping vor die Linse. Dann tut der Intervall-Timer nicht das, was er soll – nämlich 60 Frames aufnehmen -, sondern schaltet sich nach ein paar Bildern einfach ab. Ich starte ihn neu, er macht wieder frühzeitig Schluss. Das Spiel wiederholt sich ein paarmal, dann reicht es mir. Am Ende sind es 30 Minuten Belichtungszeit.

Der Cirrusnebel. Ca. 30 Minuten Luminanz plus 120 Minuten H-alpha/O-III. 80mm Apo f/6, 0,8x-Reducer, Canon R6, ISO 1.600.

Das gezeigte Bild ist angereichert mit weiteren knapp zwei Stunden Belichtung mit dem Duo-Schmalbandfilter, die ich eine Woche später vom heimischen Balkon aus gemacht habe. Der Cirrusnebel geht auf eine Supernova-Explosion zurück, die sich etwa vor 8.000 Jahren ereignet hat. Im Gegensatz zu Planetarischen Nebeln wie dem Hantelnebel sehen wir hier nicht die Reste des ehemaligen Sterns, sondern interstellares Gas, das durch die gewaltige Energie der Supernova, die in einer Schockwelle aus Ionen und Elektronen durch den Raum fegt, zum Leuchten angeregt wird.

Zurück ins Feld. Abgelenkt durch Biker, Bauer und Belichtungsstörungen geht mir die Erhabenheit des Moments verloren: First Light! Die Canon R6 sieht ihre ersten außerirdischen Photonen. Abgesehen von den kleinen Startschwierigkeiten gibt sie ein ordentliches Bild ab. Während sie (wenn auch teilweise etwas bockig) vor sich hin arbeitet, baue ich die gute, alte 6D daneben auf und schieße ein paar Aufnahmen der (spät-)sommerlichen Milchstraße:

Milchstraße vom Sternbild Schild über das Sommerdreieck bis zur Kassiopeia. Links oben der Andromedanebel. 20 x 20 sec., 14 mm f/2,8, Canon 6D, ISO 3.200.

Zu schlechter Letzt vergesse ich Darks und Flats aufzunehmen. Notdürftig hole ich das am nächsten Abend halbwegs temperaturkongruent nach. Andere schieben dafür auch schon mal ihre Kamera in den Backofen, um unter spanischer Sonne vergessene Darks zu erstellen…

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