Archiv des Monats: August 2026

Ein wundervoller Kreis

„Der Mond stand mitten in der Sonne, […] rings um ihn kein Sonnenrand, sondern ein wundervoller, schöner Kreis von Schimmer, […] nicht anders, als gösse die obenstehende Sonne ihre Lichtflut auf die Mondeskugel nieder, daß es rings auseinanderspritzte – das Holdeste, was ich je an Lichtwirkung sah!“ So formulierte es Adalbert Stifter in seinem Bericht zur totalen Sonnenfinsternis 1842 in Wien. Wie er weiter unten aber selber zugibt, kann keine verbale Beschreibung dem Erlebnis einer Totalität gerecht werden. Hierfür fehlen der Sprache schlicht die Adjektive und Superlative – „grandios“, „erschütternd“, „überwältigend“ sind bei weitem zu klein für das, was in diesen wenigen Minuten an Sinneseindrücken und Wahrnehmungen auf einen einregnet.

Genauso wenig können Bilder einen Eindruck vermitteln, der dem Erlebten auch nur in Ansätzen nahekommt. Ist die Fotografie dem Auge in vielen Bereichen weit überlegen – man denke an prächtige Aufnahmen von galaktischen Nebeln, die man im Okular bestenfalls als milchigen Fleck sieht -, so versagt sie beim Einfangen der Stimmung von den letzten Minuten des immer schnelleren Hereinbrechens der Nacht über die Unwirklichkeit der majestätisch-bedrohlich schimmernden schwarzen Sonne hin zum wieder hervorquellenden gleißenden Licht, das die Düsternis so plötzlich beiseiteschiebt, wie sie gekommen ist. Sie versagt aus mehreren Gründen. Rein technisch ist der Dynamikumfang der Corona in der totalen Phase zu groß. Rein phänomenologisch sind die Erscheinungen von der verdunkelten Sonne selbst, den Farben des Himmels, der Umgebung zu mannigfaltig. Dem könnte man noch notdürftig abhelfen, etwa durch HDR-Bilder oder eine Vielfalt an Fotos. Der Hauptgrund des Versagens liegt aber anderswo: Das Erleben einer totalen Sonnenfinsternis ist weit mehr als rein visuell, es wird über das Auge und die Sinne auf eine tiefergehende emotionale Ebene transportiert, die kein Foto, kein Video erreichen kann.

Dies war mir im Vorfeld der Sonnenfinsternis vom 12. August 2026 durchaus bewusst, kann ich doch von dem Privileg sprechen, bereits viermal im Schatten des Mondes gestanden zu haben: 1999 (Bayern), 2001 (Sambia), 2006 (Türkei) und 2024 (Texas). Gleichwohl hatte ich mir – im Gegensatz zu 2024 – vorgenommen, dieses Jahr in Spanien mit meinen bescheidenen Mitteln einige Bilder von dem Ereignis aufzunehmen. Allerdings wollte ich in den unter zwei Minuten Totalität möglichst wenig mit Fotografieren beschäftigt sein – auf keinen Fall sollte das emotionale Erleben durch das banale Bedienen der Kamera beeinträchtigt sein. So sollte die Kamera in der entscheidenden Phase vollautomatisiert laufen. Hierzu habe ich das Freeware-Programm EclipseOrchestrator seit März ausführlich mit meinem Setup getestet. Letzteres bestand im Wesentlichen aus dem 80mm-Apo, hinter den ich bewusst meine (ur)alte Canon 600D mit APS-C-Sensor schraubte – eine zugegebenermaßen fragwürdige Wahl, aber mit 18 MP hat der Chip eine höhere Pixeldichte als meine Vollformatsensoren, weshalb ich mir mehr effektive Brennweite versprach – mit Flattener und Crop-Faktor sollten es etwa 600mm Vollformatäquivalent sein. Und ich wollte minimalistisch bleiben – nur diese eine Kamera, nur diese eine Brennweite, aber möglichst viel von den klassischen Phänomenen: Diamantring, evtl. Perlenschnur, Chromosphäre, Protuberanzen und natürlich Corona. Also eigentlich fotografisch nichts Besonderes – nur die Wiederholung meiner Bilder von 1999 und 2001 im Digitalzeitalter.

Die Ausrüstung (mit GTI-Montierung) fuhr hübsch verpackt bei unserem mehrwöchigen Roadtrip durch Nordspanien mit, wo ich mich dann am Tag der Tage mit Gunther treffen wollte. Als ambitionierten Naturfotografen und Pionier der Zeitraffertechnik kam für ihn „fotografisch nichts Besonderes“ natürlich nicht in Frage – genauso wenig wie für seine Kollegen Uli und Olli vor Ort. So hatten die drei bereits Tage vorher Locations gesichtet und einen Standort gefunden, an dem sie die verfinsterte Sonne hinter dem Bergfried von Langa de Duerto untergehend fotografieren und filmen wollten. Dummerweise lag dieser Standort auf einem Hügel in recht unwegsamem Gelände. So war es am Morgen der Finsternis bei erwarteten Temperaturen von weit über 30 Grad durchaus eine Versuchung, einfach in unserem Hotel am Pool zu bleiben und das Geschehen von dort aus zu verfolgen.

Wir widerstehen der Versuchung und machen uns am Nachmittag auf den Weg ins Feld. 38 Grad im Schatten – aber kein Schatten weit und breit. Die drei Jungs wuchten (in mehrfachen Besteigungen) eine Ausrüstung den Hügel hinauf, gegenüber der mein Apo sich ausnimmt wie ein VW Golf beim Start eines Formel-1-Rennens. Etwa eine Stunde vor dem ersten Kontakt sind Mensch und Material dann bereit für das, was kommen soll.

Und es kommt. Pünktlich um 19:34:42 MESZ erfolgt der erste Kontakt. Wenige Augenblicke später wird die „Delle“ in der Sonne durch die SoFi-Brille visuell sichtbar. Im Laufe der nächsten Dreiviertelstunde schiebt sich der Mond immer weiter vor die Sonnenscheibe, die so zur schmalen Sichel wird.

Partielle Phase: 30 sec., 10 min., 23 min. und 35 min. nach dem 1. Kontakt.

Bis zu einem Grad der Finsternis von etwa 80 % nimmt man das abnehmende Licht in der Umgebung kaum wahr. Das aber ändert sich in den letzten Minuten vor dem zweiten Kontakt auf dramatische Weise. Das exponentielle Zunehmen der Dunkelheit lässt sich schwerlich in Worte fassen. Wenige Sekunden vor der Totalität leuchtet mit dem letzten Strahl der vertrauten Sonne der Diamantring:

Es folgen 103 Sekunden, in der die Welt eine andere ist, eine Welt außerhalb jeglicher Erfahrungen.

Die rote Chromosphäre der Sonne mit einer gewaltigen Protuberanz am linken Rand, die auch mit dem bloßen Auge sichtbar war. 80mm Apo f/4,8, Canon 600D, 1/500 sec., ISO 100.
Die innere Corona. 80mm Apo f/4,8, Canon 600D, 1/60 sec., ISO 100.
Die äußere Corona. 80mm Apo f/4,8, Canon 600D, 1/2 sec., ISO 100.

Dann plötzlich, viel zu schnell, ein Wiederaufflammen am westlichen Rand, und so rasend die Dunkelheit hereingebrochen war, so rasend geht sie wieder. Nur wenige Minuten nach dem 3. Kontakt ist es wieder taghell, als wäre nichts gewesen – nur die immer noch schmale Sichel der Sonne zeugt von den namenlosen Geschehnissen.

Fotografisch zeigt sich beim 3. Kontakt das Perlenschnurphänomen:

3. Kontakt -2,0 sec; +- 0 sec., +1,5 sec., + 3,0 sec. Jeweils 80mm Apo f/4,8, Canon 600D, normiert auf 1/1000 sec., ISO 100.

Kurz darauf versinkt die partiell verfinsterte Sonne hinter dem Castillo:

Nun heißt es schnell die Ausrüstung zurückzubauen – im Schatten der Erde wird es dank Atmosphäre zwar bei weitem weniger dramatisch, aber dennoch ebenso unweigerlich dunkel, und der Abstieg von unserem gerölligen Hügel ist teilweise eine rutschige Angelegenheit. Schließlich erreichen wir tief beeindruckt unsere Fahrzeuge und lassen die Erlebnisse der letzten Stunden in Gesprächen, Gedanken und Gefühlen nachklingen.

Habe ich in diesem Beitrag vielleicht etwas dick aufgetragen? Lassen wir noch einmal Adalbert Stifter zu Wort kommen: „Ich habe immer die alten Beschreibungen von Sonnenfinsternissen für übertrieben gehalten, so wie vielleicht in späterer Zeit diese für übertrieben wird gehalten werden; aber alle, so wie diese, sind weit hinter der Wahrheit zurück. Sie können nur das Gesehene malen, aber schlecht, das Gefühlte noch schlechter, aber gar nicht die namenlos tragische Musik von Farben und Lichtern, die durch den ganzen Himmel liegt“.