Archiv des Monats: Januar 2026

Verweile doch, du bist so schön

Am späten Nachmittag des 19. Januar sah es nicht gerade nach einer astronomietauglichen Nacht im Siegerland aus – wie am Vortag hielt sich zäher Hochnebel vor der eigentlich versprochenen Sonne. Doch pünktlich zur Dämmerung klarte es auf. So nahm ich mir etwas vor, was ich in vier Jahrzehnten Liebhaberastronomie noch nie geschafft hatte: einen Planeten jenseits des Saturn zu sehen. Und tatsächlich habe ich den hoch im Süden stehenden Uranus beobachtet – doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ferner wollte ich die Messier-Galerie um M1, den Krebsnebel im Stier, erweitern. Mittlerweile war es dem Steuerungslaptop aber wohl zu kalt geworden, so dass der Akku trotz Netzstrom entleert war. Und M1 verschwand langsam aus dem eingeschränkten Sichtfenster des Balkons. Aber auch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Was hier erzählt werden soll, ist die Geschichte der wohl hellsten Polarlichter über Mitteleuropa im aktuellen Sonnenzyklus. Mitbekommen habe ich davon erst gegen 22:30 Uhr, und die ersten Sichtungen im AKM-Forum sprachen von „schwach visuell“. Ein Sternfreund schickte eine WhatsApp mit beeindruckenden Fotos. Da muss ich wohl noch mal raus! Vom Balkon aus sieht es allerdings nach aufziehender Bewölkung aus – doch halt: Das sind keine Wolken! Das ist Polarlicht! Und zwar nicht schwach visuell, sondern extrem hell!!!

Schnell raus vor die Tür – und hier zeigen sich jetzt, inmitten der Lichtverschmutzung, über dem Stadtzentrum von Siegen, ohne nennenswerte Dunkeladaption, beeindruckende farbige Lichter am Himmel. Der gesamte Nordhimmel glüht in einem schimmernden Rot. Das ist nochmal anders als im Mai 2024 – und auch anders als letztes Jahr in Norwegen.

23:01 Uhr: Helles Polarlicht in der Innenstadt bei Straßenbeleuchtung, mit der Handy-Kamera vor dem Haus

Nun brauche ich aber dringend freiere Sicht, und zumindest etwas weniger Streulicht. Zu Fuß in zehn Minuten in den Stadtwald oder mit dem Auto in zwanzig Minuten in die Dunkelheit nördlich der Stadt? Ich entscheide mich für Letzteres. Schnell sind noch Mütze und Kamera eingepackt. Doch schon beim Losfahren erscheint mir das rötliche Leuchten schwächer zu werden. Aus dem Auto heraus lässt sich nichts mehr wahrnehmen. Angekommen an der Breitenbachtalsperre stelle ich fest, dass ich hier nicht der einzige Polarlichtjäger bin. Nur verheißen die mir teilweise bereits entgegenkommenden Grüppchen nichts Gutes.

In der Tat: Die ganz große Show habe ich verpasst. Zwar scheint noch wunderschönes fotografisches Polarlicht über dem gefrorenen Stausee, doch kein Vergleich mit dem Zauber, der sich eine Stunde zuvor hier zugetragen haben muss. Immerhin: Nach etwas Dunkeladaption und bei leicht aufflackernder Aktivität lässt sich auch visuell ein rotes Glimmen in der Himmelsregion um den tiefstehenden Großen Wagen ausmachen – wie wenn ein Windhauch die Glut eines abgebrannten Feuers noch einmal anfacht.

23:58 Uhr: Polarlicht über der zugefrorenen Breitenbachtalsperre – visuell nur schwach zu sehen. Canon 6D, 14mm, 10 sec., ISO 6.400.
00:30 Uhr: Noch einmal ein Aufflackern im Nordosten, visuell ist die rötliche Farbe schwach erkennbar. Canon 6D, 14mm, 10 sec., ISO 6.400.

Auch ein paar Tage nach diesen Ereignissen habe ich meine Gefühlswelt noch nicht ganz geordnet. Ist das Glas halb leer oder halb voll? Ich habe die extrem hellen Polarlichter gesehen, habe mich erinnert gefühlt an den Oktober 2003, den zutiefst beeindruckenden Anblick eines rotglühenden, ja, brennenden Himmels – etwas, das ich bei meinen bisherigen Sichtungen in diesem Zyklus vermisst habe. Und doch habe ich sie nur verschleiert durch das Licht von Straßenlaternen und Stadtbeleuchtung gesehen. Hätte diese Schönheit nicht noch ein wenig verweilen können…?

Hesse lehrt uns, wie wir verstehen, was der Wind in Sand geschrieben, und dass wir ja wissen,

Daß das Schöne und Berückende
Nur ein Hauch und Schauer sei,
Daß das Köstliche, Entzückende,
Holde ohne Dauer sei.

Aber eine halbe Stunde länger hätte es schon noch gehen können!

Klassiker neu interpretiert

Es ist die Zeit der kalten Winternächte, die – so sie klar sind – mit dem schönsten Sternenhimmel des Jahres aufwarten. Im „Wintersechseck“ der hellsten Sterne finden sich etliche Deep-Sky-Objekte, zu deren bekanntesten zweifelsohne die Plejaden und der Orionnebel gehören. Beide sind bereits mit bloßem Auge sichtbar, im Feldstecher oder kleinen Teleskop beeindruckende Objekte und auch mit bescheidenen Mitteln der Astrofotografie zugänglich. In einer langen mondlosen Nacht richtete ich vom Siegener Südostbalkon aus den Apo auf die Plejaden und anschließend den Newton auf den Orionnebel, beide Instrumente jeweils mit der Astrokamera zum Photonensammeln bestückt.

Die Plejaden, im Messier-Katalog unter der Nummer 45 verzeichnet, sind ein offener Sternhaufen von etlichen hundert Sternen in einer Entfernung von etwa 400 Lichtjahren. Die hellsten Sterne stellen in der griechische Mythologie die sieben Töchter des Atlas – daher auch die alternative Bezeichnung „Siebengestirn“ – samt ihrem Vater und ihrer Mutter Pleione dar. Die markante Form ähnelt einer Miniaturausgabe des Sternbilds des Großen Wagen, weshalb die Plejaden manchmal mit dem Kleinen Wagen verwechselt werden. Letzterer ist aber deutlich ausgedehnter und unscheinbarer. Das Foto enthüllt einen bläulichen Reflexionsnebel – hier wird interstellarer Staub von den Sternen angestrahlt, ohne selbst Licht auszusenden.

Die Plejaden M 45 am 21.12.2025. Apo 80mm f/4,8 (mit Flattener), ASI ZWO MC Duo, 180 x 60 sec.

Der Orionnebel M 42 ist hingegen ein selbstleuchtender Emissionsnebel, der überwiegend aus Wasserstoff besteht. Ein heißer Stern im Zentrum ionisiert das Gas und regt es so zum Strahlen an. In den äußeren Gebieten dominiert rotes H-alpha-Licht, weiter innen leuchtet auch Sauerstoff in der O-III-Linie. Und ein wenig bläulich schimmernden Staub gibt es auch noch. Die Himmelsregion gilt als Sternentstehungsgebiet, in dem regelmäßig neue Sterne „geboren“ werden (indem ein Teil des Gases so weit kollabiert, dass in seinem Inneren die Kernfusion zündet) – etwa eine neue Sonne in zehntausend Jahren.

Der Orionnebel M 45 am 22.12.2025. Newton 150mm f/5, ASI ZWO MC Duo, 150 x 60 sec.