Archiv des Monats: November 2025

Mehr Koma

3I/ATLAS: Der Besucher

Minus 9 Grad zeigte das Thermometer an diesem frühen Novembermorgen. So war die Motivation zum Verlassen des warmen Bettes eher gering, auch wenn dort draußen ein Himmelsobjekt mit Seltenheitswert zu sehen sein sollte: der erst dritte jemals entdeckte interstellare Komet 3I/ATLAS. Aber es gilt die alte Weisheit: If you are not going outside, you are not going to photograph it!

So mache ich mich mit der mobilen Ausrüstung auf den Weg zur Trupbacher Heide. Und diesmal funktioniert alles tadellos, so dass kurz vor Beginn der astronomischen Dämmerung eine Aufnahmenserie gelingt:

3I/ATLAS in den Morgenstunden des 22. November. 80mm Apo f/4,8; 30×4 sec.; ISO 12.800; Canon 6D.

Der Besucher aus einem fernen, unbekannten Sonnensystem kommt mit diffuser, leicht grünlicher Koma daher. Ein Schweif ist auf dem Foto leider nicht auszumachen. Oben im Bild ist die Galaxie NGC 4454 mit 12,7 mag zu sehen. Der interstellare Komet erscheint nur wenig schwächer als der hellste Stern im Bildausschnitt und dürfte bei 9-10 mag liegen – weit heller als die kühnsten Prognosen nach seiner Entdeckung im Sommer.

Etwa in der Bildmitte erkennt man bei näherem Hinsehen eine Flugzeugspur – oder ist 3I/ATLAS etwa doch ein außerirdisches Raumschiff, das gerade eine Flotte von Sonden ausgesetzt hat…?

C/2025 K1 (ATLAS): Der Zerbrochene

Der vorerst letzte Teil dieser Kometenserie beginnt mit einem weiteren Eintrag im Pannen-Almanach – der mehr und mehr zu einer Chronik des Dilettantismus wird: Beim Versuch, vor der Beobachtung von 3I/ATLAS noch ein paar Bilder von seinem Namensvetter C/2025 K1 aufzunehmen, vergesse ich nach dem Fokussieren, die Bahtinov-Maske zu entfernen…

So rücke ich dem Schweifstern in der folgenden Nacht erneut zu Leibe – diesmal vom heimischen Balkon aus mit Newton, Astrokamera und Guiding. 120 Frames à 30 Sekunden ergeben gestackt mit Astro Pixel Processor eine ansehnliche Erscheinung:

Der Komet macht in der Szene seit etwa zwei Wochen von sich reden, da sein Kern in mehrere Bruchstücke zerfallen ist. Beim Hineinzoomen sind die Fragmente auch auf meinem Bild zu erkennen:

Während Fragment C noch gut zu sehen ist, ist das zwölf Tage zuvor als erstes abgebrochene Stück B nahezu vollständig zerbröselt und nur noch als Ausbuchtung im Schweif zu erahnen.

Der Komet befindet sich derzeit noch relativ nahe der Erde – in etwa halber Sonnenentfernung – und ist hoch oben am nördlichen Firmament zu sehen. Er rast mit etwa 30-40 km pro Sekunde durch das Sonnensystem, wodurch er an unserem Himmel pro Tag gut und gerne zehn Vollmondbreiten zurücklegt. Diese hohe Eigenbewegung ist im nachfolgenden Zeitraffer dokumentiert.

Das Video zeigt die 120 weitgehend unbearbeiteten Einzelbilder einer Stunde mit 300facher Geschwindigkeit. Der Bildausschnitt hat in etwa Vollmonddurchmesser.

(Das obige Bild ist auf den Kometen „registriert“, weshalb sich dessen Bewegung in den Strichspuren der Sterne widerspiegelt.)

Update vom 23.12.2025

Mittlerweile hat sich 3I/ATLAS weiter von der Sonne entfernt – was ihn einerseits lichtschwächer werden lässt, andererseits eine Beobachtung vom heimischen Balkon ermöglicht. Meine Hoffnung, ihn bei 11 bis 12 mag noch einmal visuell zu sehen, hat sich leider nicht erfüllt. Gleichwohl war es eine bemerkenswerte Erfahrung, mal wieder intensiv durch ein Okular zu blicken und Sternenlicht „live“ zu sehen anstatt lediglich auf einem Bildschirm zu betrachten.

Natürlich sind moderne CMOS-Sensoren dem menschlichen Auge weit überlegen. Die Astrokamera hinter dem Newton konnte ein schönes Abbild des Besuchers samt Schweif einfangen:

3I/ATLAS am frühen Morgen des 22.12.2025 – 30 x 60 sec., Newton 150mm f/5

Koma

Was im allgemeinen Sprachgebrauch einen Zustand andauernder Bewusstlosigkeit bezeichnet und der Altlateiner mit „Haupthaar“ übersetzen würde, steht in der Astronomie einerseits für die nebulöse Hülle eines Kometen, andererseits für einen Abbildungsfehler in der verwendeten Optik. Mein Ziel war Ersteres – was ich bekam, Letzteres.

Aber der Reihe nach: Da stand er also, der neue 80mm-Apo „TS Photoline“ auf einer Skywatcher GTI, und wartete auf sein First Light. Diese mobile Ausrüstung sollte in Kombination mit der Canon 6D DSLR wieder halbwegs niederschwellig Expeditionen „ins Feld“ ermöglichen, was für das Newton-Setup mit HEQ5, Astrokamera, hierfür benötigtem Steuerungs-Laptop samt Stromversorgung etc. schon lange nicht mehr zutrifft. Die Trockenübungen im Wohnzimmer liefen soweit gut, und die Steuerung der Montierung über Handy-App via Bluetooth ist einigermaßen komfortabel. Nach kurzer Irritation ließ sich dann auch der Bildfeldkorrektor anschrauben, nachdem ich neben den in der Anleitung beschriebenen drei Madenschrauben drei weitere winzige Inbusschrauben gefunden und gelöst hatte. Ziel der ersten Expedition sollten die beiden Kometen sein, die im Oktober/November aussichtsreich am Abendhimmel standen: C/2025 A6 (Lemmon) sowie C/2025 R2 (SWAN).

So mache ich mich auf den Weg zu meinem altbewährten Beobachtungsplatz oberhalb von Salchendorf. Hier gibt es nun allerdings ein Durchfahrtsverbot. Ist das neu oder habe ich das früher schlichtweg ignoriert? Da ich ohnehin als Alternative die Haincher Höhe antesten wollte, verlege ich kurzerhand dorthin. Hier ist es passabel, aber nicht wirklich gut – die Ausrüstung muss auf dem Feldweg aufgebaut werden und einige Bäume stören die Rundumsicht. Aber der Südwesthorizont ist hinreichend frei, so dass der tiefstehende und recht helle Lemmon schnell gefunden ist – an dieser Stelle ist der GTI und der SynScan-App ein Lob zu zollen, da Poljustierung, 1-Stern-Ausrichtung und Anfahren des Kometen benutzerfreundlich und problemlos funktionieren. Lemmon erscheint mit passablem Schweif im Sucher der Kamera und wird mit einer kurzen Belichtungsserie auf dem Chip der Canon festgehalten, bevor die Montierung dann als nächstes Objekt SWAN ansteuern soll. Nun zeigen sich allerdings Probleme. Der Komet, drei Größenklassen schwächer als sein Artgenosse, ist im (dummerweise nicht schwenkbaren) Display der Canon 6D nicht auszumachen. Überhaupt sieht das Bild seltsam aus, mit selbst im Mini-Display erkennbaren gewaltigen Verzerrungen. Im Feld finde ich an diesem Abend keine Lösung.

Diese ergibt sich dann nach einigem Probieren am nächsten Tag: Ich hatte es tatsächlich geschafft, den Bildfeldkorrektor falsch herum anzuschrauben… Anstatt den Abbildungsfehler zu korrigieren, hat er ihn damit verstärkt. Somit gab es auf den Bildern zwar Koma, nicht aber die des Kometen, sondern in Form eines üblen Bildfehlers, der die Aufnahmen unbrauchbar machte.

Einzelbild von Komet Lemmon mit übelstem Abbildungsfehler (unbearbeitet).

Diese Schmach wollte ich nun nicht auf mir sitzen lassen. Als sich die nächste Beobachtungsgelegenheit ergab, stand Lemmon jedoch bereits zu weit südlich am Horizont. SWAN sollte hingegen gut sichtbar sein, wenn auch seine Helligkeit weiter abgenommen hatte. Diesmal suchte und fand ich einen Beobachtungsstandort in der Nähe der Trupbacher Heide – gut erreichbar, perfekte Rundumsicht, durch die Nähe zu Siegen und Freudenberg allerdings schon noch recht lichtverschmutzt.

Tja, was soll ich sagen? Ich habe ihn nicht gefunden. Warum, ist mir unklar. Die Comet Observatory Database listet weiterhin Beobachtungen mit Helligkeit und Komadurchmesser auf, mit denen er eigentlich locker auf den Bildern zu sehen sein müsste. Die Positionierung der GTI sah mit anderen Testobjekten auch weiterhin (sehr) gut aus. Stimmt die Ephemeride in der SynScan-App möglicherweise nicht? Für weitere Recherchen fehlt mir die Muße, und so werde ich es wohl nie herausfinden.

Zum Glück sind wir derzeit recht reich mit Kometen der Mittelklasse gesegnet. Mit einer scheinbaren Helligkeit von 9 bis 10 mag strebt C/2025 T1 (ATLAS) seinem Perihel entgegen. Hoch im Herkules stehend, sollte er auch gut sichtbar sein. Und hier fand ich nun endlich die ersehnte Koma – wenngleich der Komet insgesamt unspektakulär daherkommt und auf meinem insgesamt 4 Minuten belichteten Bild kein Schweif auszumachen ist:

C/2025 T! (ATLAS) am 17.11.2025 ca. 21 Uhr MEZ. 80mm f/4,8, 40 x 6 sec., Canon 6D, ISO 12.800